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KUNSTAUSSTELLUNG: „Narine Zolyan-Archi Galentz. Prophezeiungen“.

03-03-2026
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„In Armenien erwartet uns dieser Morgen.“ Ein Satz wie ein fernes Leuchten am Horizont – zart, verheißungsvoll, beinahe fragil. Mit ihm begannen in Berlin die deutsch-armenischen Kulturtage 2026, nicht bloß als Veranstaltungsreihe, sondern als ein vielstimmiges Echo von Erinnerung, Schmerz und Hoffnung. Im Kulturhaus Karlshorst öffnete sich am 2. Mai der Raum für eine Begegnung, die weit über das Sichtbare hinausreicht: eine Ausstellung von Narine Zolyan und Archi Galentz. Die musikalische Gestaltung der Ausstellung wurde vom Duo Danilo Mičić und Milutin Marjanović übernommen, mit A-cappella-Darbietungen serbischer geistlicher Gesänge.

 

Wie ein stilles Versprechen hielt man an der Tradition fest, den Auftakt der Kulturtage der Kunst zu widmen. Unter dem Leitgedanken „Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern auch von jedem Wort“ entfaltet sich ein thematisches Geflecht, in dem Sprache, Glaube und kulturelles Gedächtnis als lebensspendende Kräfte erscheinen. In einer Welt, die von Erschütterungen durchzogen ist, wird die Kunst hier zur Zuflucht – zu einem Ort, an dem sich das Zersplitterte neu ordnet, an dem die Seele wieder zu atmen beginnt.

 

Zur Erinnerung: Diese Kulturtage  stehen unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Martin Pätzold (MdA Berlin) sowie des Bezirksbürgermeisters von Berlin-Lichtenberg, Martin Schaefer, und werden finanziell vom Amt für Kultur und Weiterbildung des Bezirks Lichtenberg gefördert, sowie vom Kulturhaus Karlshorst unterstützt.

 

Die Ausstellung „Narine Zolyan-Archi Galentz: Prophezeiungen“ vereint die Werke zweier Künstler, deren Leben und Schaffen von armenischer Geschichte durchdrungen ist. Ihre Bilder sprechen nicht leise – sie flüstern nicht, sie rufen. Sie tragen das Gewicht von Jahrzehnten, von Verlust und Überleben, von einer Gegenwart, die noch immer von den Schatten der Vergangenheit gezeichnet ist.

 

Mikayel Minasyan, Initiator der Kulturtage, sprach von einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Leben und Verlust verschwimmen – einer Zeit, in der selbst der Tod keine endgültige Erlösung mehr bedeutet. Seine Worte ließen eine Frage im Raum zurück, die sich nicht leicht beantworten lässt: Wie endet ein Krieg, der sich in die Seelen eingeschrieben hat? Vielleicht, so die leise Hoffnung, beginnt eine Antwort dort, wo Kunst beginnt – im Sichtbarmachen des Unsagbaren.

 

Narine Zolyan, deren künstlerischer Weg früh begann, trägt in sich die Kontinuität einer ganzen Tradition. Schon als Kind vom Werk Vincent van Goghs berührt, fand sie ihren eigenen Ausdruck – einen, der nicht nur malt, sondern erinnert. Ihre Bilder wirken wie gespeicherte Zeit, wie Fragmente eines kollektiven Gedächtnisses, das sich weigert zu verstummen. Armenien und Arzach erscheinen darin nicht nur als Orte, sondern als gelebte Erfahrung, als innerer Raum.

 

Wenn sie von „genetischer Information“ spricht, meint sie mehr als Herkunft – sie meint die unauslöschliche Spur von Geschichte im Menschen. Ihre Werke sind ein Appell: zu erinnern, zu verstehen, zu lernen. Und zugleich ein stiller Wunsch, fast ein Gebet – dass Kinder ohne Verlust aufwachsen dürfen, dass das Leben nicht länger im Schatten des Krieges steht.

 

Archi Galentz beschreibt Zolyans Kunst als ein brennendes Feuer – ein Feuer, das nicht zerstört, sondern beleuchtet. Für ihn ist das Erinnern kein Rückzug, sondern eine Notwendigkeit, um Zukunft zu gestalten. Seine eigenen Arbeiten sind von Unruhe durchzogen, von einer Gegenwart, die sich nicht beruhigen lässt. Sie zeigen Wunden, die offen sind, und Fragen, die weiterbrennen.

 

Seit elf Jahren schaffen die deutsch-armenischen Kulturtage einen Raum, der mehr ist als ein kulturelles Programm. Es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs, des Zuhörens. Hier treffen Geschichten aufeinander, verweben sich, widersprechen sich vielleicht – und finden doch eine gemeinsame Sprache.

 

Auch Prof. Dr. Martin Pätzold betonte in seiner Ansprache die Bedeutung dieses Raumes. Für ihn sind es gerade diese Begegnungen, in denen Diskussion, kultureller Austausch und gemeinsames Nachdenken möglich werden. Mit spürbarer Wertschätzung sprach er von der armenischen Gastfreundschaft und der Wärme, die ihm immer wieder begegnet. Die Ausstellung selbst beschrieb er als bewegend – als einen Ort, an dem jeder Besucher etwas für sich entdecken könne.

 

Dabei griff er ein Zitat aus der Bibel auf, das wie ein Echo zum Leitmotiv der Veranstaltung wirkt: Die dunkelste Stunde liege unmittelbar vor dem Morgen. In diesem Gedanken liegt für ihn die Hoffnung, dass auch Armenien diesen Morgen erleben wird. Es sei ein Vertrauen, das nicht verloren gehen dürfe – getragen von einer Haltung, die er als zutiefst armenisch empfindet: füreinander da zu sein, besonders in Zeiten der Not.

 

Ein Besucher beschrieb die Ausstellung als überwältigend – nicht, weil sie laut wäre, sondern weil sie unmittelbar trifft. Weil der Schmerz, der in den Bildern liegt, nicht auf Distanz gehalten werden kann. Er fordert Nähe, fordert Hinsehen, fordert Anteilnahme.

 

Die Ausstellung wird so zu einer Reise durch die jüngere Geschichte Armeniens: durch den Zerfall der Sowjetunion, durch den Kampf um Unabhängigkeit, durch Kriege, Vertreibung und die fragile Suche nach Identität. Licht und Dunkel stehen nebeneinander, unversöhnt und doch untrennbar.

 

Die Stimmen großer Denker und Künstler – von George Byron bis Anatole France, von Rockwell Kent bis zu vielen anderen – hallen in Zolyans Werken wider. Ihre Worte sind wie eingeschriebene Echos, die das Bild vertiefen, ihm eine weitere Dimension verleihen. Es sind Stimmen, die staunen, trauern, hoffen – und die Armenien als einen Ort begreifen, der sich jeder einfachen Erklärung entzieht.

 

Auch persönliche Geschichte fließt in diese Kunst ein. Zolyans Erzählung von ihrem Urgroßvater, der einst nach Berlin kam, um für Armenien zu sprechen, wirkt wie ein Kreis, der sich schließt – oder vielleicht nie ganz geschlossen war. Generationen übergreifend setzt sich ein Engagement fort, das nicht nachlässt, auch wenn die Welt sich verändert.

 

Galentz wiederum wagt mit seinen Arbeiten den Blick in eine beunruhigende Gegenwart – bis hin zu Fragen der künstlichen Intelligenz und ihrer verzerrten Bilder von Identität. Seine Werke sind Warnung und Spiegel zugleich: Sie zeigen nicht nur, was ist, sondern auch, was verloren zu gehen droht.

 

Und so bleibt am Ende das Gefühl, dass diese Ausstellung mehr ist als ein künstlerisches Ereignis. Sie ist ein Aufruf – leise und doch eindringlich. Ein Versuch, das Fragmentierte zu teilen, das Unsagbare sichtbar zu machen.

 

Vielleicht ist es genau das, was mit „Prophezeiungen“ gemeint ist: kein Blick in eine ferne Zukunft, sondern ein scharfes Sehen der Gegenwart.

 

Und über allem steht jener Satz, der wie ein leiser Atem durch die Räume zieht:
Dass irgendwo, jenseits der Dunkelheit, ein Morgen wartet