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Historischer Schulausflug zu einer Stätte der Würde

15-03-2026
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Am 15. März unternahmen die Schüler*innen und Eltern der Armenischen Schule Berlin beim Verein AEAE e.V. gemeinsam mit dem Lehrpersonal einen historischen Rundgang zur Hardenbergstraße 4 und 17. Dort erläuterte der Historiker Dr. Hayk Martirosyan ihnen die Hintergründe der im Zuge der Folgen des Völkermords an Armeniern organisierten „Operation Nemesis“ sowie Details über den damit verbundenen bedeutenden armenischen Vergeltungskämpfer Soghomon Tehlirian.
 
Die interessierten Teilnehmer*innen besuchten zunächst den Hof des Hauses, in dem Tehlirian lebte und von wo aus er einen der Hauptverantwortlichen des Völkermords, Talaat Pascha, der gegenüber auf der anderen Straßenseite im zweiten Stock eines Gebäudes Zuflucht gefunden und sich verborgen hielt, kontinuierlich beobachtete und verfolgte – bis 1921 an diesem Tag zu dessen Tötung. In diesem Hof berichtete Dr. Hayk Martirosyan, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lepsius-Hauses in Potsdam, den Versammelten über das Leben von Soghomon Tehlirian und fünf weiteren armenischen Vergeltungskämpfern sowie über ihre Rolle bei der Planung und Durchführung der „Operation Nemesis“. Anschließend begaben sich die Anwesenden zu dem Ort, an dem die Hinrichtung des Verbrechers vollzogen worden war.
 
Diese Bildungs-Exkursion war nicht nur für die Schützlinge der Schule lehrreich, sondern bot auch den Eltern sehr ausführliche und informative Einblicke. Eines wurde an diesem Gedenktag ganz deutlich: Kein Verbrechen und kein Verrat ist je ungestraft geblieben – und wird es auch in Zukunft nicht bleiben.
 

Wir präsentieren im Folgenden den zusammengefassten Vortrag von Hayk Martirosyan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lepsius-Haus in Potsdam und Doktor der Geschichtswissenschaften, der im Rahmen dieser Bildungsführung gehalten wurde:

 

„Soghomon Tehlirian. Die Bedeutung des 15. März

 

Die Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern, der 1915 begann, in den folgenden Jahren andauerte und etwa eineinhalb Millionen Menschenleben forderte, verließen im November 1918 das Osmanische Reich. 1919 begannen in Trapezunt und Konstantinopel Gerichtsverfahren mit dem Ziel, jene zu bestrafen, die dieses schreckliche Verbrechen organisiert oder aktiv daran teilgenommen hatten. Obwohl im Verlauf der Prozesse zahlreiche Todesurteile verhängt wurden, konnten die meisten davon nicht vollstreckt werden, da die Täter aus dem Land geflohen waren.

 

Im September 1919 wurde eine geheime Organisation mit dem Namen „Sonderaktion" gegründet, die später unter dem Namen „Nemesis“ bekannt wurde. Ziel der Gruppe war es, Gerechtigkeit wiederherzustellen: die Täter des Völkermords aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, die der Bestrafung entgangen waren. Ein erheblicher Teil von ihnen hatte sich in Europa niedergelassen. In Berlin hatten einige der Hauptverantwortlichen des Völkermords Zuflucht gefunden, darunter der Innenminister des Osmanischen Reiches Talaat Pascha, der Kriegsminister Enver Pascha sowie weitere hochrangige jungtürkische Verbrecher wie Behaeddin Schakir, Cemal Azmi und andere.

 

Im Zuge der Strafaktionen der „Nemesis“-Kämpfer wurden später mehrere Verantwortliche des Völkermords getötet, darunter Talaat Pascha, Großwesir Said Halim Pascha, Behaeddin Schakir, Cemal Azmi, Cemal Pascha sowie die Verantwortlichen für die Massaker an den Armeniern in Baku – Fatali Khan Khoiski und Behbud Khan Dschawanschir. Die Aktionen wurden von Misak Torlakyan, Aram Yerganian, Soghomon Tehlirian, Artashes Gevorgyan, Petros Ter-Poghosyan und Arshavir Shirakian durchgeführt. Die organisatorischen Arbeiten wurden von Armen Garo und Shahan Natalie geleistet, während die Finanzierung in den Händen von Aharon Sachaklian lag. Zahlreich waren auch jene, die die Gruppe bei verschiedenen Operationen heimlich unterstützten.

 

Im Dezember 1920 traf Soghomon Tehlirian in Berlin ein mit dem Auftrag, Talaat zu beobachten und zu erschießen. Eine unterstützende Gruppe konnte für ihn ein Zimmer in einem mehrstöckigen Gebäude in der Hardenbergstraße anmieten, von wo aus er Talaat täglich beobachtete, der in einer luxuriösen Sechs-Zimmer-Wohnung im Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebte. Am 15. März 1921 gegen 11 Uhr morgens führte Soghomon Tehlirian eine Tat aus, die als Akt der Gerechtigkeit für ein ganzes Volk angesehen wurde: Er erschoss Talaat vor der Adresse Hardenbergstraße 17. Tehlirian wurde noch am Tatort festgenommen. „Ich habe einen Menschen getötet, aber ich bin kein Mörder“, erklärte er.

 

Der Prozess, der am 2. Juni 1921 begann, entwickelte sich zu einer öffentlichen Thematisierung des Völkermords an den Armeniern. Armenische, deutsche und skandinavische Zeugen, die eigens geladen worden waren, schilderten dem Gericht das erschütternde Ausmaß der Verbrechen. Die Verteidigung sowie die Unterstützer Tehlirians konnten die Presse erfolgreich mobilisieren, sodass die Aufmerksamkeit stark auf den Prozess gerichtet war. Es bestand die Gefahr, dass sich der Prozess gegen Deutschland selbst richten könnte, da viele Völkermörder und offiziell zum Tode Verurteilte unbehelligt ein komfortables Leben in Berlin führten.

 

Der Prozess dauerte faktisch nur einen Tag. Am folgenden Tag wurde Soghomon Tehlirian zu Beginn der Sitzung freigesprochen und im Gerichtssaal auf freien Fuß gesetzt. Später zog er in die USA nach San Francisco, wo er schließlich verstarb.

 

Da das Verfahren hastig abgeschlossen wurde, konnten viele Zeugen keine mündlichen Aussagen machen und hinterließen lediglich schriftliche Zeugnisse. Raphael Lemkin, der den Prozess aus der Ferne verfolgte, griff später auf die ungeklärten Fragen dieses Verfahrens zurück und entwickelte darauf aufbauend die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“.

 

Für viele Armenier weltweit gilt der 15. März als ein Tag der Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Würde. Der gezielte Schuss Soghomon Tehlirians bezeugte erneut die Unvermeidbarkeit der Bestrafung von Verbrechen.

 

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lepsius-Hauses
Doktor der Geschichtswissenschaften

Hayk Martirosyan"


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