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ZOOM-KONFERENZ: VORTRAG VON FRAU PROFESSORIN DR. ELKE HARTMANN: Houshamadyan: Rekonstruktion des Verlorenen, Identität und Zukunft

29-03-2021
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Am Mittwoch, den 12. Mai 2021 ab19.00 Uhr fand eine Zoom-Konferenz im Rahmen der Deutsch-Armenischen Kulturtage 2021 in Berlin statt. Das Thema des Vortrages war "Houshamadyan: Rekonstruktion des Verlorenen, Identität und Zukunft". Der Abend wurde vom 1. Vorsitzenden des AEAE e.V. Herrn Mikayel Minasyan moderiert. Er begrüßte die Gäste und übergab das Wort an den Unterstützer der Kulturtage Herrn Prof.Dr. Martin Pätzold. Der Letztere betonte die Wichtigkeit der Veranstaltungen, welche der AEAE e. V. im Rahmen der o.a. Kulturtage jährlich organisiert, und lobte die Organisatoren für die hervorragende Leistungen. Im Anschluss referierte Frau Dr. Elke Hartmann das Thema über die armenische Identität und ihre Wurzeln. Der Vortrag rundete die Kulturamtsleiterin Berlin-Lichtenberg, Frau Dr. Catrin Gocksch ab, indem sie zusicherte, dass sich das Kulturamt auch in Zukunft für die Fortsetzung dieser Kulturtage einsetzen und sie unterstützen wird. Danach stellten die Zuhörer*innen Fragen an die Referentin.

Mehr darüber finden Sie nachstehend:

 

Vor 1915, also vor dem Völkermord an den osmanischen Armeniern, lebten im Osmanischen Reich Armenier in nahezu allen Landesteilen. Die armenische Bevölkerung lebte zwar schwerpunktmäßig im Armenischen Hochland und allgemein in jenen sechs Provinzen, die der internationalen Diplomatie und der osmanischen Verwaltung des 19. Jahrhunderts als die „sechs armenischen Provinzen“ bezeichnet wurden. Armenier lebten jedoch ebenso im historischen Kilikien, wo es in der Kreuzfahrerzeit ein armenisches Königreich gegeben hatte, in Zentralanatolien und im westlichen Kleinasien mit wichtigen Zentren etwa in Izmir und Bursa, und schließlich auch in den europäischen Reichsteilen wie etwa Thrakien, wo Armenier seit der Spätantike angesiedelt wurden oder sich niedergelassen hatten. Armenier gab es schließlich auch in den arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches, insbesondere in Jerusalem, wo bis heute eines der vier Altstadtviertel der Heiligen Stadt als das armenische Viertel bekannt ist und neben der eindrucksvollen Klosteranlage St. Jakob auch eine signifikante armenische Gemeinde beherbergt. 

Dabei bildeten die Armenier vor allem in den osmanischen Ostprovinzen – den historischen armenischen Siedlungsgebieten – zwar regional auch relative Mehrheiten, stellten jedoch keine großflächig geschlossene Bevölkerungsmehrheit, sondern teilten sich ihre Lebenswelt mit einer Anzahl anderer Bevölkerungsgruppen, in erster Linie muslimischen Kurden. Die Armenier waren im Osmanischen Reich ein integraler Bestandteil der Gesellschaft, sie trugen maßgeblich zur osmanischen Wirtschaft und Kultur, schließlich auch zur Reform und Modernisierung des Reiches bei. Diese Lebenswelt, mit all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt, ging mit der Ermordung der Armenier während des Ersten Weltkriegs unwiederbringlich verloren.

Houshamadyan ist ein Forschungsprojekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, diese durch den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich verlorenen Lebenswelt, das Alltagsleben und die Alltagskultur der Armenier im Osmanischen Reich, zu rekonstruieren. Publiziert werden die Ergebnisse auf einer Webseite (houshamadyan.org). Die Seite ist zweifach untergliedert, einmal nach Regionen, in denen man über die Provinzen, Unterprovinzen, Bezirke und Kreise bis in die einzelnen Städte und Dörfer gelangen kann. Zum anderen nach Themen, wo man je nach Interesse stöbern kann und Einträge zu Wirtschaft, Handel, Sport, Schulen, Musik, Festen, Kirchen, Bevölkerungsstruktur, Trachten, Architektur und vielen Feldern mehr finden kann.

Was bedeutet die Rekonstruktion dieses historischen Erbes für die Frage der Identität der heute lebenden Armenier? Was bedeutet das Wissen um die eigene Vergangen, die Familiengeschichten, Regionalgeschichten und schließlich der facettenreichen Nationalgeschichte für ihre Orientierung in der Zukunft?

Der Vortrag von Elke Hartmann, Gründungsdirektorin von Houshamadyan, präsentiert das Projekt und beleuchtet die westarmenische Vergangenheit, um schließlich diese Fragen von Identität und Zukunft zu diskutieren.

 

Die Referentin:

Dr. Elke Hartmann hat als Professorin für Turkologie, Osmanische Geschichte, Islamwissenschaft und Armenische Studien an den Universitäten FU Berlin, PPKE Budapest, Bamberg und Hamburg unterrichtet und forscht derzeit im Rahmen des Schwerpunktprogramms „Transottomanica“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hat Geschichte, ost- und südosteuropäische Geschichte und Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert und wurde dort mit einer Arbeit zur Wehrpflicht im Osmanischen Reich promoviert (als Buch erschienen 2016 unter dem Titel „Die Reichweite des Staates“). Ihre Habilitation an der Katholischen Péter Pázmány Universität Budapest beschäftigt sich mit armenischem, Leben und autobiographischen Schreiben im Osmanischen Reich (als Buch in ungarischer Übersetzung erschienen 2021 unter dem Titel „Örmény élét az oszmán birodalomban“). 2010 gründete sie gemeinsam mit Vahé Tachjian das Projekt Houshamadyan. 2016 gründete sie gemeinsam mit Bálint Kovács den Lehrstuhl für Armenische Studien an der PPKE Budapest.


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