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Der Weg zur Bekräftigung unserer Identität. Die 4. Etappe der gesamteuropäischen Rundreise der Fachgruppe des „Manifests“

21-04-2024
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Am 21.04.2024 befanden wir uns in Hamburg – nach Berlin die zweitgrößte Stadt Deutschlands, gelegen an der Elbe. Hamburg gilt als Verkehrsknotenpunkt und besitzt den zweitgrößten Hafen Europas. Die Stadt ist zudem ein Zentrum der Medien und der Industrie. Seit Jahrhunderten ist Hamburg ein bedeutendes Finanzzentrum und Sitz der zweitältesten Bank der Welt (Berenberg Bank).

 

Zum Abschluss der dritten Phase der gesamteuropäischen Rundreise der Fachgruppe des „Manifests“ waren wir in Hamburg, in der von Vorsitzendem Arsen Harutyunyan geleiteten Gemeinde. Dort war alles armenisch – vom Eingang bis zur Bewirtung, von den Gesprächsthemen bis zu den Sorgen und Schmerzen des armenischen Volkes. Es herrschte eine spürbare Unruhe und zugleich der Glaube daran, die lichtvollen Ideen des „Manifests“ ins Leben zu rufen – verbunden mit der Betonung, dass wir angesichts der Lage des Landes keine Zeit zu verlieren haben.

 

Arsen ist einer jener guten Armenier, die vom nationalen Schmerz bewegt sind. Er tut alles in seiner Macht Stehende, um den im 44-Tage-Krieg versehrten jungen Menschen zu helfen und die Möglichkeiten der Diaspora in seinem Umfeld zu bündeln, um die Heimat mit allen verfügbaren Mitteln zu stärken. Die Atmosphäre in der Gemeinde war angenehm und inspirierend. Nach dem Vaterunser von Pfarrer Ter Gnel Gabrielian begann der Vortrag, an dem Ärzte, Juristen, Geschäftsleute, Eltern der Sonntagsschule, Militärangehörige und viele andere teilnahmen. Sie alle hatte die Liebe und Sehnsucht nach der Heimat zusammengeführt – und das Interesse, die bereits bekannte Idee des „Manifests“ von Mikayel Minasyan zu vertiefen, an der entstehenden Plattform mitzuwirken und ein heute dringend notwendiges Aktionsprogramm für das armenische Volk mitzugestalten.

 

Unter den Teilnehmern befanden sich die Ärztin Kristina Aghabekyan sowie Lilit Martirosyan, die vor einigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt war. Eine bemerkenswerte Armenierin, die aus Pflicht- und Verantwortungsgefühl gegenüber ihrem Land mit ihrer hervorragenden medizinischen Ausbildung ihrem Volk dienen wollte und mit großer Liebe und Begeisterung gegangen war, damit ihre noch kleinen Kinder in der Mutterheimat aufwachsen und lernen könnten. Heute ist sie hier und bemüht sich gemeinsam mit der von Arsen geleiteten Gemeinde, die Ideen des wissenschaftlichen Werkes „Manifest“ von Mikayel Minasyan in die Praxis umzusetzen – mit der Vision eines geeinten Staates Diaspora–Armenien als verwirklichten armenischen Traum.

 

Der Referent ging in seinem Vortrag auf die in den Gemeinden aufgeworfenen Fragen ein. Dem Vorschlag des Primas der Armenischen Diözese in Deutschland, Bischof Serope Isakhanyan, wurde auch hier zugestimmt: In Deutschland solle beispielhaft eine Plattform geschaffen werden, die – sobald sie bereit ist – in Netzwerkform Mutterheimat und Diaspora verbindet.

 

Der Vortrag wurde immer wieder von spontanen Fragen unterbrochen. Die Menschen wollten rasch Antworten, doch nach dem vollständigen Zuhören wurde vieles klar.

Nachdenklich stimmend und bewegend waren die Fragen und die Bereitschaft von Edgar Gevorgyan, an der Umsetzung des „Manifest“-Programms mitzuwirken. An den Referenten gewandt sagte er: „Wie gut ich mich fühle, wenn ich Antworten auf die Fragen bekomme, die mich heute quälen. Ich habe eine sichere Familie, einen guten Beruf, Kinder – aber ich habe nicht das Wichtigste: eine sichere, geschützte Heimat. Wir sind hier, aber wir leben mit den Schmerzen, Sorgen und Ängsten Mutterarmeniens – mit der ständigen Furcht, ihre Staatlichkeit zu verlieren.“

 

„Herr Minasyan, sagen Sie uns, was sollen wir tun? Wir sind bereit, Teil des Teams zur Schaffung dieser Plattform zu werden. Ich schlage zudem vor, ein zentrales Komitee der Armenier in Deutschland zu gründen, dessen Ideen wir alle konstruktiv nutzen können.“
Alle Fragen wurden eingehend diskutiert und erhielten entsprechende Antworten und Beschlüsse.

 

Bemerkenswert war auch die Frage von Arsen Ivers, einem in Deutschland dienenden Vertragssoldaten: Was wird heute von armenischen Militärangehörigen verlangt?
Mikayel Minasyan entgegnete mit einer Gegenfrage: „Arsen, welche Aufgaben stellt der deutsche Staat heute an Sie als Soldaten?“
Arsen antwortete: Von uns wird verlangt, die Demokratie zu schützen, die Grenzen Deutschlands und der NATO zu sichern und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten – Aufgaben, die auch für armenische Soldaten heute wesentlich sind.

Der in Deutschland bekannte und geschätzte Geistliche Ter Gnel Gabrielian richtete zahlreiche Fragen an den Referenten: Womit soll begonnen werden? Wie? Wer sind die Akteure? Mit welchen Mitteln? – und erhielt ausführliche Antworten.

 

Womit beginnen? Mit der Neuorganisation der eigenen Gemeinde.
Wie? Indem man für die Armenier in Deutschland ein übergeordnetes Ziel definiert – etwa die Bewahrung der armenischen Identität.
Wer sind die Akteure? Jeder in Deutschland lebende Armenier, dem es ein Anliegen ist, Armenier zu bleiben und dessen Generation dies ebenfalls bleibt, sowie alle, denen die Entwicklungen in der Heimat nicht gleichgültig sind.
Mit welchen Mitteln? Durch Bündelung des materiellen und menschlichen Potenzials der armenischen Gemeinschaft in Deutschland auf einer Plattform und dessen gezielte Ausrichtung auf aktuelle und laufende Herausforderungen.

 

Teilnehmerin Gayane Grigoryan bewegte besonders die Frage, wie man Armenien wirksam helfen könne. Kleine Geldspenden seien keine nachhaltige Lösung. Sie selbst habe für notleidende Familien aus Artsach und für die Witwen gefallener Freiheitskämpfer Online-Backkurse organisiert und ihnen die Kunst der Tortenherstellung vermittelt. Mit Freude berichtete sie, dass die Absolventinnen nun erfolgreich Torten verkaufen. Es beruhige sie, dass diese Frauen auf würdige Weise ihren Lebensunterhalt verdienen können.

 

„So entstehen in mir Ideen – den Zugang zu Kleinunternehmen zu erleichtern und fähige, talentierte Frauen in Arbeit zu bringen.“
Sie betonte auch die Bedeutung der nationalen Identitätssicherung und sprach sich für Kontrollmechanismen innerhalb der Plattform aus, um Missbrauch zu verhindern.

 

Zur Frage der Sicherheit wurde erläutert, dass im Falle möglicher Krisenbedingungen im Land Voraussetzungen für eine schnelle und angemessene Reaktion geschaffen würden – durch gezielte Fachgruppen:
eine humanitäre Gruppe zur Prüfung, Analyse und Verbreitung von Informationen über Krisen;
die Einbindung technischer Fachkräfte zur Gewährleistung von IT-Sicherheit;
sowie eine Koordinationsgruppe für Sach- und Geldspenden, deren Sammlung, Lagerung, Transport nach Armenien und Verteilung vor Ort in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen.

 

Mikayel Minasyan fasste ausführlich zusammen und sprach über die Herausforderungen und Hindernisse auf dem Weg zur Bewahrung des Armeniertums und zur Schaffung einer starken, geeinten Heimat. Er bat um Vorschläge aus dem Publikum und um aktive Mitwirkung von Fachleuten.

 

Da unter den Anwesenden mehrere Ärzte waren, die sich durch ihr patriotisches und humanitäres Engagement auszeichnen, richtete Ter Gnel eine Frage an die Vorsitzende des Verbandes Armenischer Ärzte in Deutschland, Srbuhi Martirosyan, bezüglich der Versorgung junger Männer, die im 44-Tage-Krieg ein Auge verloren hatten.

 

Srbuhi Martirosyan berichtete ausführlich über die Schwierigkeiten, die notwendigen Mittel aufzubringen, um die Augenprothesen für mehr als 60 Betroffene – die alle zwei Jahre ersetzt werden müssen – zu finanzieren. Dieses Mal habe die Hamburger Gemeinde die Kosten für zwanzig junge Männer übernommen.

 

Mit warmem Glauben und Liebe verabschieden wir uns, begleitet von heimatsehnsüchtigen Blicken – in der Erwartung, uns wiederzusehen und die gefassten Beschlüsse in die Tat umzusetzen.

 

Seda Vardazaryan
Redakteurin des wissenschaftlichen Werkes „Manifest“


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