IMG-LOGO

„Je länger du schweigst, desto mehr wird dein Schweigen zu einem Verbrechen“ – Regisseur Jivan Avetisyan über seinen Film Gate to Heaven („Tor zum Himmel“, 2019).

09-05-2026
IMG

Am 9. Mai 2026, dem Tag der Befreiung der Stadt Schuschi in Arzach, organisierte der AEAE e.V. im Rahmen der Deutsch-Armenischen Kulturtage 2026 in Berlin im Kulturhaus Karlshorst einen Filmabend, bei dem der Spielfilm „Gate to Heaven“ (Tor zum Himmel) des aus Arzach stammenden armenischen Regisseurs Jivan Avetisyan gezeigt wurde.

 

Der Abend wurde vom ersten Vorsitzenden des „Association of the European and Armenian Experts e.V. - AEAE“, Herrn Mikayel Minasyan, eröffnet, der die Gäste begrüßte und den Regisseur kurz vorstellte. Anschließend übergab er das Wort an den Ehrengast und Schirmherrn des Abends, den Bürgermeister Berlin-Lichtenberg, Martin Schaefer. In seiner Begrüßungsrede übermittelte dieser zunächst die Grüße des weiteren Schirmherrn des Abends, Prof. Dr. Martin Pätzold (MdA Berlin). Danach wandte er sich an die Anwesenden mit dem Wunsch, dass die Menschen in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung, Glauben und Liebe nicht verlieren mögen und die Güte sowie die gegenseitige Solidarität erkennen, die bereits in unserer Gesellschaft existieren.

Danach wurde der Film gezeigt.

 

„GATE TO HEAVEN“ („Tor zum Himmel“) ist ein internationales Drama, das während der Arzach-Kriege spielt, mit Richard Sammel, Tatiana Spivakova, Sos Janibekyan, Leo Pobedonoscev und Naira Zakaryan in den Hauptrollen. Regie führte Jivan Avetisyan.

 

Über den Regisseur

Jivan Avetisyan ist ein armenischer Filmregisseur und wurde 2020 aus 3.400 Bewerbern für das Berlinale-Talents-Programm ausgewählt. Außerdem war er Thema einer Dokumentation von Deutsche Welle.

 

Er wurde in Gyumri geboren, wuchs in Arzach auf und lebt heute in der armenischen Hauptstadt Jerewan. 2014 gründete er gemeinsam mit anderen die „Fisheye Art Cultural Foundation“ und ist derzeit deren Geschäftsführer. 2021 gründete er außerdem die Produktionsfirma „LifeTree Pictures LLC“.

 

Schon als Kind wuchs Jivan inmitten eines der konfliktreichsten Gebiete des Kaukasus auf und kennt die grausamen Folgen des Krieges aus eigener Erfahrung. Obwohl seine Kindheit nicht von sorglosen Spielen geprägt war, sondern von Verantwortung für Familie und Freunde, gab er seinen Traum und seine Leidenschaft für den Film nie auf. Sein Lebensziel – Geschichten zu erzählen, Geschichte festzuhalten und Arzach der Welt vorzustellen – verwirklichte er durch die Filmkunst.

 

Der berufliche Werdegang von Jivan Avetisyan

Jivans beruflicher Weg begann 1996 am W.-Papazyan-Dramatheater in Stepanakert und führte ihn später bis zur Position des Chefregisseurs bei einem der einflussreichsten Fernsehsender Armeniens, Yerkir Media. Danach widmete er sich ganz seiner Leidenschaft und produzierte mehr als 20 Dokumentar- und Kurzfilme sowie international ausgezeichnete Spielfilme.

 

Da Jivan in Arzach aufwuchs, interessierte er sich schon früh für die Welt des Films. Seine Begeisterung begann bereits in seiner Kindheit im Dorf Chatschmatsch nahe Stepanakert. 2015 erfüllte sich sein Lebenstraum mit den Dreharbeiten zum Film „The Last Inhabitant“, der in Chatschmatsch entstand, auf HBO Eastern Europe ausgestrahlt wurde und heute auf Prime verfügbar ist. In dem Film spielte Houmayoun Ershadi mit, bekannt aus „Taste of Cherry“, „Drachenläufer“ und „Zero Dark Thirty“. „Taste of Cherry“ gewann 1997 die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes.

 

Inhalt des Films

Der deutsche Journalist Robert Sternvall (50) kehrt 2016 nach Arzach zurück, um über den nach 22 Jahren Waffenstillstand erneut ausgebrochenen Krieg zu berichten. Während seiner Recherchen begegnet er der jungen Opernsängerin Sophia Marti (35). Sie ist die Tochter des verschwundenen Fotojournalisten Edgar Martirosyan, den Robert 1992 nach dem Fall des Dorfes Talisch in Gefangenschaft zurückgelassen hatte.

 

Die häufigen Begegnungen zwischen Robert und Sophia entwickeln sich zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung, die schließlich zur Enthüllung von Roberts schrecklicher Tat gegenüber Edgar Martirosyan führt. Daraufhin gesteht Robert sein karriereorientiertes Verhalten, sein Schweigen über Edgars Tod sowie die Ausnutzung von Edgars Fotografien und bittet um Vergebung.

 

Anschließend nutzten die Gäste eine 15-minütige Pause und genossen armenische Weine, Gebäck, Kuchen und Getränke, die von den Eltern der Schüler der armenischen Schule Berlin bei AEAE e. V. vorbereitet worden waren.

 

Diskussion mit dem Regisseur

Nach der Pause diskutierten die Gäste im Frage-und-Antwort-Format mit Regisseur Jivan Avetisyan über Szenen des Films, die Figuren sowie über die Wahrnehmung des Verlustes von Arzach aus Sicht des Regisseurs, da auch er selbst aus Arzach stammt und der Film dort gedreht wurde.

 

„Natürlich empfinde ich heute großes Heimweh und den Wunsch, in meine Heimat zurückzukehren. Doch je stärker meine Sehnsucht wird, desto mehr erkenne ich, wie viel Arbeit noch vor mir liegt“, antwortete der Regisseur auf eine entsprechende Frage.

 

Auf die Frage eines Gastes, ob die Zeitungsnotiz, auf der die Handlung des Films basiert, tatsächlich wahr sei, erklärte Jivan Avetisyan:

„Ich zweifle nicht an der Wahrhaftigkeit des Geschehens. Aber selbst wenn es nur ein kleiner oder sogar erfundener Artikel gewesen wäre, hätte er mich dennoch dazu inspiriert, diese Geschichte zu erschaffen. Entscheidend sind nicht die konkreten Figuren – Sophia, der Fotograf oder der Journalist –, sondern die Ereignisse von Talisch. Diese drei Geschichten verbinden sich rund um diese Ereignisse. Solche Beispiele gibt es viele auf der Welt. Mich faszinierte nicht, dass jemand die Arbeit eines anderen aneignete – solche Dinge begegnen uns ständig –, sondern dass Schweigen dazu führte, dass ein Mensch nicht gerettet wurde. Wenn der Fotograf nicht geschwiegen hätte, hätte er möglicherweise ein Leben retten können. Heute schweigen so viele Menschen über Arzach. Genau dieses verbrecherische Schweigen war das Konzept, das mich anzog und das ich im Film verarbeitet habe.“

 

Auf die besorgte Nachfrage eines weiteren Gastes, ob die Rolle des deutschen Schauspielers provokativ sei und deutsche Gefühle verletzen könnte, antwortete der Regisseur:

„Ich möchte einen wichtigen Gedanken hervorheben: Schweigen ist ein Verbrechen. Trotzdem liebe ich meinen Helden, über den ich erzähle. Nach einem solchen Verbrechen versuche ich dennoch, ihn auf den Weg der Erkenntnis und der Wiedergutmachung zurückzuführen. Warum liebe ich ihn? Wer macht keine Fehler? Aber wie viele Menschen finden die Kraft, zu ihren Fehlern zurückzukehren und sie zu korrigieren? Er kehrt zwar zurück, aber zu spät. Die Zeit hat bereits ihren Lauf genommen. Trotz seiner Schuld bleibt er für mich eine positive Figur.“

 

Anschließend sprach Jivan Avetisyan über seine drei früheren Filme sowie über die bevorstehenden Dreharbeiten zum Spielfilm „Angels 2020“ und die Schwierigkeiten bei dessen Produktion, insbesondere finanzielle Engpässe und die Suche nach Förderern.

 

„Wir versuchen tatsächlich, unsere Ideen auf dem internationalen Filmmarkt zu verwirklichen. Gemeinsam mit Koproduzenten aus verschiedenen Ländern entwickeln wir Filme weiter. Ja, sie beteiligen sich sowohl finanziell als auch kreativ. Beispielsweise hatte ‚Gate to Heaven‘ einen deutschen Koproduzenten – Marco Gils. Schade, dass er heute nicht hier sein konnte. Kein Geheimnis ist außerdem, dass der armenische Anteil am Budget von ‚Gate to Heaven‘ bei 43 Prozent lag. Das ist natürlich der größte Anteil, da die armenische Seite das größte Interesse an diesem Film hat. Der Beitrag des armenischen Staates überschritt jedoch nicht fünf bis sechs Prozent“, erklärte Avetisyan auf eine Frage eines deutschen Gastes.

 

Eine weitere Frage aus dem Publikum betraf die sprachlichen Herausforderungen bei der internationalen Zusammenarbeit während der Dreharbeiten. Der Regisseur antwortete:

„Ich lade Sie zu den Dreharbeiten unseres nächsten Films ein, damit Sie diesen Prozess persönlich erleben können. Das lässt sich schwer beschreiben. Ich arbeite intensiv mit meinem kreativen Team und besonders mit den Schauspielern zusammen. Obwohl dies unsere erste Zusammenarbeit mit deutschen Schauspielern war, wird es nicht die letzte bleiben. Für unseren nächsten Film ist bereits ein weiterer deutscher Schauspieler vorgesehen – Heino Ferch. Unsere Kommunikationssprache ist Englisch, auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist. Doch die Zusammenarbeit zwischen Schauspieler und Regisseur funktioniert wunderbar. Natürlich gibt es Übersetzer und Sprachbetreuer, die die verschiedenen Sprachfassungen überwachen, aber letztlich gelingt diese Zusammenarbeit vor allem deshalb, weil wir diese Geschichten und unsere Arbeit lieben.“

 

Der Regisseur ergänzte, dass sich die geplanten zukünftigen Filme nicht nur mit Arzach befassen, sondern auch mit anderen Themen, die das armenische Volk bewegen. Einer der Filme soll beispielsweise das Leben der ersten Botschafterin der Republik Armenien in Japan thematisieren. Ein weiterer Animationsfilm wird die Geschichte von Hayk und Bel erzählen, an dem Jivan Avetisyan als Drehbuchautor beteiligt ist.

 

Zum Abschluss fragte eine junge Zuschauerin, ob Roberts Liebe zu Sophia ihn letztlich dazu gebracht habe, seine Schuld einzugestehen. Der Regisseur bestätigte diese Interpretation, ließ aber bewusst Raum für eigene Deutungen des Films.

 

Der Abend verlief in einer sehr emotionalen und zugleich eindrucksvollen Atmosphäre.

 

Die Veranstaltung wurde unter anderem finanziell vom Bezirksamt Lichtenberg, Amt für Kultur und Weiterbildung gefördert und erhielt außerdem Unterstützung vom Kulturhaus Karlshorst.


Videoarchiv