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Dr. Vazrik Bazil: Vortrag „Wenn das Wort spricht und das Schweigen antwortet“ Begleitet von Bühnendarbietungen der Schützlinge der Armenischen Sonntagsschule Berlin bei AEAE e.V.

22-05-2026
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Im Rahmen der Deutsch-Armenischen Kulturtage 2026 in Berlin fand am 22. Mai im Kulturhaus Karlshorst ein Kinderprogramm statt, das mit einem wissenschaftlichen Vortrag kombiniert wurde.

Dr. Vazrik Bazil, deutscher Autor, Publizist, Dozent und Redenschreiber, hielt einen Vortrag unter dem Titel: „Wenn das Wort spricht und das Schweigen antwortet“.

Der Vortrag umfasste auch zwei performative Aufführungen:
1. Die Kraft des Wortes (Genesis 1, 3–4a)
2. Im Wort gehorsam (Genesis 22, 1–19)

Zwischen den einzelnen Vortragsabschnitten präsentierten die Schülerinnen und Schüler der Armenischen Sonntagsschule Berlin beim AEAE e. V. themenbezogene Inszenierungen mit Tanz, Gesang und szenischen Bühnendarbietungen.

Der Abend wurde von den kleinen Schützlingen der Armenischen Schule Berlin beim AEAE e. V. mit einer Walzer-Aufführung eröffnet. Anschließend begrüßte Mikayel Minasyan, der 1. Vorsitzende des AEAE e. V. die versammelten Gäste und überließ die Bühne den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern.

Nach dem ersten Teil der theatralischen Inszenierung über die göttliche Schöpfung des Universums und der Welt nach biblischer Auffassung begann Herr Dr. Bazil seinen Vortrag.

 

Zum Thema „Wenn das Wort spricht und das Schweigen antwortet“:

 

"Es gilt das gesprochene Wort

 

Die Spannung zwischen Reden und Schweigen lässt sich am besten an der Übersetzung eines berühmten Satzes von Blaise Pascal entfalten: „Le silence éternel de ces espaces infinis m’effraie.“ Sollen wir „le silence“ mit „Stille“ oder mit „Schweigen“ übersetzen? Dreihundert Jahre später schreibt ein anderer französischer Denker, Paul Valéry, einen Aufsatz zu diesem Satz Pascals und stellt sich die Frage, warum ein tiefgläubiger Christ wie Pascal im Universum nichts zu hören vermag, obwohl die Bibel voller Zeugnisse ist, denen zufolge das Weltall die Herrlichkeit Gottes lobpreist.

 

Was bedeutet dieser Einwurf im Hinblick auf unsere Übersetzung? „Stille“ ist nicht „Schweigen“. Stille wird nur dann zu Schweigen, wenn man eine Antwort erwartet und nichts zurückschallt. Erst dann ist Stille ein „Schweigen“. Erwartet man hingegen keine Antwort, so handelt es sich nicht um „Schweigen“, sondern eben um „Stille“.

 

Um diese Frage einigermaßen beantworten zu können, müssen wir einige Schritte vollziehen. Der erste Schritt ist die Unterscheidung zwischen einer Kultur des Auges und einer Kultur des Ohres. Freilich lassen sich unsere Sinne weder strikt trennen noch eindeutig voneinander abgrenzen. Doch zur Orientierung ist diese Unterscheidung hilfreich.

 

Das Auge gilt seit den Griechen – und wir sind Erben dieser Kultur – als das stärkste Organ des Menschen. Vermutlich hat die Naturwissenschaft in Europa auch deshalb ihren Ausgang in der Physik der Körper genommen. Das Auge wird mit Wissen verbunden. „Wissen“ heißt ursprünglich „sehen“, wie auch „idea“ oder „theoria“. Das Wort „Theater“ hängt mit „Theorie“ zusammen, mit Betrachten und Zuschauen. Das Auge bewahrt Distanz. Deshalb sind wir kaum verstört, wenn wir asymmetrische Bilder sehen; das Auge nimmt Dinge im Raum wahr.

 

Das Ohr hingegen wird mit Glauben verbunden. Gott erscheint durch seine Stimme; wer Gott sieht, stirbt. Das Ohr ist das Organ der Nähe, weshalb uns moderne, atonale Musik eher irritiert. Klänge, Geräusche und Stimmen sind affektgebunden. Die Griechen betrieben in diesem Zusammenhang auch eine Art Klangpolitik. Das Ohr hört Ereignisse und ist in der Zeit verankert.

 

Diese Beschreibung ist freilich nicht ausschließlich, denn wir kennen auch Klangräume und Richtungen, die Atmosphären erzeugen. Vergröbernd lässt sich sagen: Jerusalem steht für eine Ohrenkultur, Athen für eine Augenkultur. Martin Buber hat das Judentum durch Schall, Bewegung und generationenübergreifende Zusammengehörigkeit charakterisiert: Hören hat mit Gehorsam und Gemeinschaft zu tun. Deshalb ist für Hörkulturen die Tradition nicht einfach das Vergangene, wie es für Sehkulturen erscheint.

 

Diese Unterscheidung ist auch mit Blick auf Antike und Moderne wichtig. Denn die Moderne ist durch eine zusätzliche Verschiebung gekennzeichnet: vom Ohr zum Auge. Das zeigt sich etwa in der Abwertung der memoria, der Gedächtniskunst. Tradition und das, was frühere Generationen gesagt haben, verlieren an Geltung; der Mensch soll selbst, frei, emanzipiert und autonom die Welt erkennen – unmittelbar und ohne Autoritäten. Die Abwertung der memoria beruht allerdings auf einer Verkürzung, denn memoria war nicht nur ein Vermögen des Bewahrens, sondern auch der Hervorbringung neuer Ideen und der Verinnerlichung. Es ist daher erfreulich, dass der Wert des Gedächtnisses heute wiederentdeckt wird, etwa bei dem Harvard-Professor George Steiner. Auch die neuzeitliche Wissenschaft strebt einen direkten Zugang zur Natur an – ohne Vermittlung, allerdings mithilfe von Experimenten. Nach Kant zwingen Experimente die Natur, auf die Fragen der Wissenschaftler zu antworten.

 

Wie gesagt, ist diese Unterscheidung nicht absolut. Wo kommen nun Ohr und Auge zusammen? Im Wort. Im Wort sehen wir Buchstaben und hören zugleich unsere Stimme; selbst beim stillen Lesen lesen wir in unserer eigenen Stimme. Im Wort tritt zudem ein weiteres Organ hinzu: die Hand, mit der wir Bedeutungen schreiben und sichtbar machen. Auf das Verhältnis von Hand und Vernunft kann hier nicht näher eingegangen werden, so reizvoll dieser Zusammenhang auch ist.

 

Und wo fügen sich mehrere Worte zusammen? Im Buch. Damit gelangen wir zu dem, was Hans Blumenberg eine „absolute Metapher“ genannt hat – so wie etwa das „Licht“. Nicht erst in der Neuzeit betrachten Philosophen die Welt als Text. Bereits die Bibel spricht vom „Buch des Lebens“, vom „Buch der Schöpfung“ und später auch vom „Buch der Natur“. Bei Gott fallen Sprechen und Tun zusammen. Insofern ist die Schöpfung eine „Auswortung“ Gottes. In diesem Sinne sagt der armenische Mönch und Kirchenvater Narekatsi, der Mensch sei ein Buchstabe, ein Wort – eine im Mittelalter verbreitete Auffassung, etwa bei Hugo von St. Viktor. Den Menschen oder die Schöpfung zu verstehen heißt, sie zu lesen, sie zu entziffern.

 

Im Armenischen wird diese Metapher weiter vertieft: „Exilant“ oder „Emigrant“ heißt „taragir“, wörtlich „der Umgeschriebene“. Auch der sündige Mensch ist ein Exilant, selbst wenn er eine Heimat hat. Umschrieben zu sein ist somit das Schicksal des Menschen. Christus erscheint in dieser Perspektive als ein „Lektor“, der den umgeschriebenen Menschen wieder orthographisch richtig schreibt.

 

Kehren wir nun zu Schweigen und Sprechen zurück. Hier lassen sich drei Richtungen unterscheiden: das Schweigen Gottes gegenüber dem Menschen, das Schweigen des Menschen gegenüber Gott und das Schweigen der Schöpfung gegenüber dem Menschen, wie bei Pascal.

 

Wo schweigt Gott gegenüber dem Menschen, wenn sein Sprechen zugleich ein Tun ist? Gott schweigt im Angesicht des Übels und des Bösen, indem er beides nicht verhindert. Dies ist die klassische Frage der Theodizee, also der Rechtfertigung Gottes.

 

Wann schweigt der Mensch gegenüber Gott? Beim Menschen fallen Sagen und Tun nicht zusammen wie bei Gott; wohl aber fallen Hören und Tun zusammen, denn auf Gott zu hören heißt, seine Gebote zu befolgen. Hier fallen Hören und Handeln in eins. Und dieses Einssein ist ein Schweigen, insofern Gott erwartet, dass der Mensch seinen Vorschriften folgt.

 

Nun zur Schöpfung: In diesem Fall bedeutet Schweigen, dass der Mensch die Schöpfung nicht lesen kann – und sie deshalb auch nicht hört. War Pascal also ein „Analphabet“? Kaum. Die Übersetzungsfrage muss offenbleiben: Übersetzen wir „le silence“ mit „Stille“, so bedeutet dies, dass Pascal nichts hört und über diese Stille erschrickt – vielleicht, weil der Mensch nach einer alten Lehre Angst vor der Leere hat, auch vor der akustischen Leere. Übersetzen wir hingegen mit „Schweigen“, so „hört“ er gerade das Schweigen, und es stellt sich die Frage, warum er als Christ nichts zu hören vermag, obwohl er erwartet, dass das Universum ihm antwortet.

 

Diese Frage bleibt offen. Doch das Verhältnis von „Stille“ und „Schweigen“ bleibt auch hier bestehen".

 

Im Anschluss setzten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Inszenierung mit dem Stück „Nach dem Anfang – die verletzliche Schöpfung“ fort. Mit großer Leidenschaft und Überzeugungskraft brachten sie ihre Rollen auf die Bühne.

Nach der Theateraufführung fand eine Frage-und-Antwort-Runde zwischen dem Redner und den anwesenden Gästen statt. Der Abend verlief in einer lehrreichen und geistig bereichernden Atmosphäre.

Die Deutsch-Armenischen Kulturtage Berlin stehen unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Martin Pätzold sowie des Bezirksbürgermeisters von Berlin-Lichtenberg, Martin Schaefer. Sie werden finanziell vom Amt für Kultur und Weiterbildung des Bezirks Lichtenberg gefördert und vom Kulturhaus Karlshorst unterstützt.