Association of the European and Armenian Experts e. V.
(Verband der Europäischen und Armenischen Fachleute e.V.)

 

ԶԼՄ > > Armenien-Resolution Berlinerin: "Meine Familie wurde gefoltert und ermordet"

Berlin - Wut? Nein, Wut spürt Silvina nicht. Nicht mehr. Dennoch bebt ihre Stimme, ihre braunen Augen funkeln. Silvina Der-Meguerditchian will Gerechtigkeit. Für ihre Familie. Für ihr Volk. Dafür sorgen könnte der Bundestag – doch es drohen internationale Verwicklungen.

Es ist ein jahrelanger heikler Streit um ein Wort. „Völkermord“. Soll der Bundestag am 2. Juni die Massaker an bis zu 1,5 Millionen Armeniern, Pontos-Griechen, Assyrern und Aramäern im Osmanischen Reich in einer Resolution als Genozid bezeichnen?

Schon im vergangenen Jahr, zum 100. Jahrestag des Beginns der Gewalttaten Ende April 1915, lag dem Parlament ein entsprechender Antrag vor. Er wurde – mit Rücksicht auf die Beziehungen zur Türkei – vertagt. Während Historiker vom „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“ sprechen, räumt die Türkei bisher lediglich Massenvertreibungen und gewalttätige Auseinandersetzungen ein. Die Türkei weist die Vorwürfe des Völkermordes zurück und spricht von kriegsbedingten Ereignissen.

„Es darf nun keine weiteren Verzögerungen geben“, so Silvina Der-Meguerditchian. 1988 zog sie aus ihrer Geburtsstadt Buenos Aires (Argentinien) nach West-Berlin. Heute arbeitet sie als Künstlerin, lebt in einem Charlottenburger Altbau samt Atelier. Ihre armenischen Wurzeln hat sie nie vergessen.

Ein Foto um 1920. Avedis Tobdjian (Dritter von rechts, erste Reihe der stehenden Kinder), der Opa von Silvina Der-Meguerditchian mütterlicherseits, in der Schule in Aleppo (heutige Millionenstadt im Norden von Syrien).
Foto: Privat
Silvinas Familie mütterlicherseits stammt aus Ayntep (heute Gaziantep) in Südostanatolien nahe der Grenze zu Syrien und Marash (das heutige Kahramanmaras), der väterliche Teil aus der Region Sivas in der Zentraltürkei. Beides Provinzen, in denen vor mehr als 100 Jahren Hunderttausende Armenier lebten. Bis zum Ersten Weltkrieg, als das Osmanische Reich ethnische Säuberungen durchführte. Das Land sollte von „inneren Feinden“ befreit werden. Jede Grausamkeit war dafür recht. Ein Großteil der armenischen Männer wurden willkürlich hingerichtet. Darunter Silvinas Urgroßvater Melkon Tengerian.

Sondereinheiten aus Kurden, Nordkaukasiern und Schwerverbrechern erschlugen die Männer oft noch vor den Toren ihres Heimatorts.

Viele Frauen und Kinder starben auf den Todesmärschen. Ihr Ziel war die mesopotamische Wüste. „Meine Oma, sie hieß Aghavni Tengerian, war zehn Jahre alt“, so Silvina Der-Meguerditchian. „Auf dem Weg starb ihre Mama. Völlig entkräftet setzte sie sich hin, warf einen Blick auf ihre Kinder und schlief ein. Die beiden kleineren Geschwister meiner Oma, gerade drei und fünf Jahre alt, starben auf dem langen Fußmarsch ebenfalls. Kein Wunder, sie schleppten sich auf staubigen Straßen durch die Hitze“, so die Berlinerin. Sie muss tief schlucken, als sie erzählt.

Fotos davon, wie Sterbende, verwesende Leichen und Skelette die Todesrouten säumen, tauchen in ihrem Gedächtnis auf. „Sie hatten nichts zu trinken, die Todesmärsche gingen über Dutzende Kilometer täglich, dazu kamen die Krankheiten. Meine Familie wurde vertrieben, gefoltert und ermordet.“ Hunderttausende verloren alles. Ihre Heimat, ihren Besitz, ihr Leben. Das Volk wurde zerrissen, entwurzelt. Ein existenzieller Bruch.

Aghavni Tengerian gelangte nach der Tortur als Kind in eine türkische Familie. Was sie dort erlebte, ob sie als Kindermädchen angestellt war oder mit dem Hausherren zwangsverheiratet wurde, ist unklar.

Gesprochen hat sie nie darüber. 1921 kam Silvinas Oma nach Paris, wanderte mit ihrem Mann 1926 nach Argentinien aus.

Silvina Der-Meguerditchian kehrte vor knapp 30 Jahren nach Europa zurück, kann heute ihre Geschichte erzählen. Und in ihrer Kunst ihre Familiengeschichte verarbeiten. „Über all die Jahrzehnte haben wir Zuhause unsere armenische Identität aufrechterhalten. Bei uns wurde armenisch gekocht, ich ging in eine armenische Schule, mein Großvater gründete in den 1950ern in Argentinien die erste armenische Musikgruppe, wir haben armenisch gesprochen, armenische Traditionen wurden gepflegt. Durch die Anerkennung durch den Bundestag hoffe ich, dass man mit uns zusammen in Würde erinnert, die Last der Erinnerung mitträgt.“

Der Bundestag weiß um die Bedeutung seiner Entscheidung. Schließlich tobt gerade ein Streit zwischen EU und Türkei um Visa-Abkommen und Flüchtlingspakt. Deutschland trägt als ehemaliger Verbündeter des Osmanischen Reiches eine besondere historische Verantwortung.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sorgte vor, hofft darauf, dass die deutsch-türkischen Beziehungen durch die Resolution nicht belastet werden. Dr. Martin Pätzold, CDU-Abgeordneter mit armenischen Wurzeln, zum KURIER: „Nur mit einer vernünftigen und klaren Geschichtsaufarbeitung kann es gelingen, die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien zu verbessern. Dafür ist es notwendig klar zu benennen, was 1915 passiert: Das war ein Völkermord an den Armeniern.“

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